Was Opi noch wusste: Ein Leben als Raubmordenteigner - ganz ohne P2P

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Früher, in den wilden 80ern, hatten wir keine Angst vor Ozon- oder schwarzen Löchern. Die einzigen Löcher, vor denen man Angst haben musste, waren Politiker und bei denen hat sich seitdem nicht wirklich imagemäßig viel getan. Die Atome vom Russen und Ami waren damals größer und gefährlicher, nicht so gequarkte Billigdinger, wie sie heute durch den LHC flitzen. Aber so wie Elektronen beim Vorbeiflug untereinander Photonenquanten austauschen (Achtung, Überleitung!) wurden damals auf den Schulhöfen der Nation Raubkopien ausgetauscht.

P2P ging damals nur, wenn man den anderen Peer persönlich kannte. Und wenn der noch jemanden kannte, der in einer Cracker Crew wie Fairlight oder KGB war, dann war man immer mit den aktuellsten "Warez" versorgt. Das war die Zeit der ersten Rechtschreibreform, als an alle Hauptwörter ein "z" drangehängt wurde, wenn man cool sein wollte.

Garnicht cool waren die ganzen Steckmodul-Cracker, die Freeze Frame MK III-Cartridges crackten und dann die fertige Speicherkopie per Intro Maker mit einem Vorspann versahen. Heutzutage würde man solche Leute als "N00bz" oder "L0serz" verschreien, aber die zweite Rechtschreibreform, in der alle "o" gegen Nullen ausgetauscht wurden, war erst 1998.

Mein erstes einschneidendes Erlebnis war damals, als 1991 die Post die Postlagerkarten eingestellt hatte. Die PLK war eine prima Methode, um einigermaßen anonym und deutschlandweit Päckchen auszutauschen, deren Inhalt meistens kleine schwarze Scheiben im 5 1/4 Zoll-Format waren, liebevoll in mühsamer Heimarbeit handgelocht und mit buntbemalten Aufklebern versehen, während später seelenlose 7-Nadel-Drucker von Seikosha auf Data-Becker-Endlospapier die Etikettierarbeit übernahmen. Danke, Printfox!

So gesehen war die Deutsche Bundespost meine erste Erfahrung mit einem anonymen P2P-Netzwerk. Heutzutage würde man den Schuppen vermutlich auf Zuruf von der Musikindustrie einfach dicht machen und zwei Wochen später würden speichelerkennende DRM-Briefmarken auf den Markt kommen, die nur von bestimmten Benutzern abgeleckt aber dafür auf bis zu drei verschiedene Briefen gepappt werden dürfen.

An diesem Tauschverhalten änderte sich zunächst nichts. Der C64 wurde vom Amiga verdrängt (bei anderen verdrängte der ST den XL, aber sorry: solche Leute kann man nicht ernst nehmen!), der Diskettenlocher verschwand in einer Umzugskiste im Keller und die Diskettenformate wurden kleiner. In der ASM (so eine Art Offline-Tauschbörse mit beigefügten Spieletests - was ist eigentlich aus Baller-Otti geworden? Ist Uridium mittlerweile heilbar?) gab es immer reichlich Kontaktadressen, über die man die aktuellsten Programme beziehen konnte, solange man nicht einer gewissen "Tanja" antwortete.

Diese Zeit war reich an kreativen Kopierschutzmechanismen, die alle versagten: Dongles, versteckte Sektoren, Kopierschutzräder, Handbuchabfragen... In den einschlägigen Magazinen mehrten sich zudem die Hilferufe verwunderter Spieler, bei denen in Falcon immer das Triebwerk explodierte oder für die in Leander im 4. Level der Vorsprung nicht erreichbar war. Findige Anwälte fuhren damals reiche Beute ein.

So um 1993 herum wurde ich Point in einer FIDO-Box. Klingt so, als hätte ich als Zivi Hundekot in öffentlichen Parks eingesammelt, war aber meine erste grosse Netz- und Alkoholerfahrung. In den Mailboxen der Welt lagen immer irgendwo interessante Programme, die es wert waren, ihre riesigen 10 MB-Dateien (!) in handlichen Paketen mit lächerlicher Bandbreite über Nacht und über behördliche Leitungen zu ziehen. Noch immer sprach niemand von P2P-Netzwerken, MP3 war so gut wie unbekannt und Apple war eine Firma, von der man jederzeit das Ende erwartete, so wie halt jeden Freitag im Heise-Forum, nur eben auf täglicher Basis. Wenn das die Musikindustrie damals gewusst hätte!

1998 gab es mit der Wiedervereinigung in Deutschland ein historisches Ereignis, das in keiner Rückblende vergessen werden darf: Modern Talking. Die zweite Wiedervereinigung innerhalb von 10 Jahren, von der sich so mancher Deutsche damals besseres versprochen hatte. Erst jetzt drang das Internet langsam in das Bewusstsein von Bundesbürgern und Musikindustrie vor. Aber immer noch war Warez-Tausch ein mühsames Geschäft über langsame Datenleitungen und obskure FTP-Server, von denen man oft nur die IP kannte und die einem auf kyrillisch oder 1337 von ihren Errungenschaften und Schätzen erzählten.

Mittlerweile hatte ich jedoch meine erste Festanstellung und verdiente genug Geld, um mir "Originale" kaufen zu können, auch wenn ich den Kauf oft bereute. Damals wuchs meine Software- und CD-Sammlung beträchtlich an und ich denke, beide Seiten, ich und die Industrie, konnten mit dem Ergebnis meiner Gewissensfindung zufrieden sein. Irgendwann wird man eben älter, reifer, vernünftiger... oder wie in meinem Fall einfach nur vermögender.

Kaum 10 Jahre später hatte die Industrie allerdings immer noch nicht begriffen, wie man das neue Medium für Geschäfte nutzen kann, ohne den mündigen Bürger verladen zu wollen. Es wurde die Parole ausgegeben: Wenn der Bürger nicht bereit ist, für mangelhafte Ware zu zahlen, soll ihn/sie doch bitte der Staat dazu zwingen, minderwertige Ware (DRM & Kopierschutz) zu überhöhten Preisen zu kaufen. Kunden werden kriminalisiert und Technologien verteufelt, als sei die Heilige Inquisition wieder auf die Erde gefahren, um all die Sünder zu strafen, die nicht an das Heilige Wort der Herren glauben.

25 Jahre verfolge ich nun schon diesen Kampf, dieses Gezerre, die Verleumdungen, die schmutzigen Tricks... ich mag's nicht mehr sehen. Ich habe keine Lust mehr, als Laborratte das Ziel von Experimenten von Wirtschaftsversagern zu werden, die nie im Leben verstanden haben und wohl auch nie verstehen werden, wie man ein Medium wie das Internet zu Geschäftzwecken nutzen kann. Ich will Musik und Software kaufen können, wann und wo mir beliebt, ohne mir Sorgen machen zu müssen, dass mein CD-Laufwerk die CD nicht erkennt, oder dass irgendwo ein DRM-Server abgeschaltet wird, weil ein Anbieter pleite geht, oder dass der Kopierschutz meinen Rechner lahmlegt, oder dass meine persönlichen Daten oder Kreditkartendaten irgendwo in einem Laden wie Bertelsmann im Haus die Runde machen und irgendwann bei arvato auf dem Ramschtisch landen.

Vermutlich verlange ich zuviel für das Jahr 2008. Aber wenn ich mir den Lernprozess in der Industrie so anschaue, dann werde ich die Erfüllung meiner Wünsche zu Lebzeiten nicht mehr erleben. Am besten speichere ich mir diesen Foreneintrag ab und poste ihn in 25 Jahren einfach nochmal. Um Abschnitte über Web 3.0 und die Matrix ergänzt. Wisst ihr noch, damals, als es noch Torrents gab...

PS: Die Apple-Aktien sinken. Das ist das Ende!

Gefunden im Heise.de-Forum und vom Autor zur Verbreitung freigegeben.
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