Kulturflatrate: Pro und Contra

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Die 16 Antworten auf die "16 Fragen zur Kulturflatrate haben einiges an Aufsehen erregt. Nicht nur hier gab es einige Kommentare, auch bei Heise.de wurden sie in einer Nachricht aufgegriffen. Auch gab es einige private Nachrichten, bei denen nach einer Stellungname zu einem Artikel von Markus Weiss bei netzwertig.com gefragt wurde. Hier ist sie.

Fällt aber unterm Strich doch recht kurz aus, und kommt vor allem mit der moralischen Keule. Markus hat in den meisten Punkten Recht. Treffend bezeichnet er eine Pauschalabgabe auf Internetzugänge als der kleinere Übel, da die Alternative dazu eine massive Einschränkung der Freiheit im Internet wäre.

Deshalb habe ich vor diesem Hintergrund die Kulturflatrate auf der Podiumsdiskussion auf der re:publica auch als "glorifizierten Wegezoll" bezeichnet. Ein Wegezoll an die Tonträgerindustrie und andere Rechteinhaber, damit sie der Gesellschaft nicht das Internet, wie man es heute kennt, über den Lobbyumweg wieder wegnimmt.

Genau das ist sie. Aber dies müsste man dann auch jeder anderen Pauschalabgabe vorwerfen. Übrigens tut die Piratenpartei dies und fordert in der Deklaration von Uppsala die Abschaffung aller Pauschalabgaben.

Auch das Problem der Verteilung der eingenommenen Gelder löst die Internetpauschabgabe (ok, "Kulturflatrate" ist definitiv leichter zu schreiben...) nicht. Sie macht es aber auch nicht schlimmer, so wie er es darstellt. Auch heute werden Pauschalabgaben an Urheber, Studiomusiker, Autoren, usw. verteilt. Alles halb so schlimm.

Ebenso wird durch die "Kulturflatrate" kein "Einheitspreis" für Kunst ins Leben gerufen. Denn, siehe oben, dieses Problem wird auch heute schon gelöst.

Merkwürdig dagegen finde ich, dass er davon ausgeht, dass die "Kulturflatrate" sich massiv auf Geschäftsmodelle auswirken wird:

So werden Download-Shops wie itunes verschwinden, weil P2P-Filesharing, das bereits kriminalisiert die effizienteste Verbreitung von Dateien online ist, ein bisher ungekanntes Qualitätsniveau erreichen würde. Das ist an sich nichts Schlimmes. Reine Download-Shops sind meiner Meinung nach in den meisten Fällen sowieso historische Anomalien.

Das klingt ein wenig nach "Hometaping is killing music". P2P-Filesharing ist eine tolle Möglichkeit, an das ranzukommen, was gerade hip ist. Aber was ist mit den Back-Katalogen? Sicherlich gibt es hier private Sammler, die mehr Material gesammelt haben, als sie in ihrem ganzen Leben jemals hören werden. Aber wie oft sind diese 24x7 breitbandig angebunden? Solange es keine komfortable Suche gibt wie sie eben iTunes bietet, wird es immer Kunden geben, die schnell hier zugreifen bevor sie tagelang darauf warten, dass das gesuchte Stück endlich auf ihrer Platte ist.

Die "Kulturflatrate", schliesst er ab, wird eine Zwei-Klassengesellschaft bei den Urhebern schaffen würde. Die, die "automatisch" entlohnt würden und die, die es eben nicht werden. Auch diese gibt es bereits heute - also wieder nichts neues.

Keule, moralisch

Kommen wir zur versprochenen moralischen Keule.

Die Gegner der Kulturflatrate bestehen darauf etwas kostenlos kopieren zu dürfen, nur weil es nicht verhindert werden kann. Was sie dabei aber gnadenlos verdrängen ist, dass sie eben nicht kostenlos kopieren. Sie reden gerne davon, dass die Produktionsmittel nicht mehr in der Macht der Rechteverwerter wären. Damit haben sie Recht und zeigen sogleich auch die Schwachstelle in ihrer Argumentation auf. Denn sie zahlen jetzt selber für die Reproduktion. Sie zahlen für ihre Computer, die Memory-Sticks, die Leer-DVDs, die externen Festplatten und natürlich für ihre Internetzugänge.

Bei all dem wird ganz selbstverständlich gezahlt. Man will ja niemanden bestehlen. Im nächsten Schritt wird dann werbefinanziertes Online-Streaming mit der allgemeinen privaten Nutzung gleichgesetzt. Hat hier mal jemand versucht, auf einer Party nur Online-Streams laufen zu lassen? Hier wird dann zum MP3-Archiv gegriffen.

Es wird also ganz klar ein privater Vorteil genutzt. Für den jeder bezahlt wird. Der Hersteller der Stereo-Anlange, der vom Computer und seinen Einzelteilen, der Internet-Provider. Na, fällt auf wer fehlt? Richtig, die Musiker. Oder auch die Schauspieler. Oder die Autoren. Sie werden dafür abgestraft, dass sie ein kopierbares Produkt erzeugen. Natürlich kauft sich niemand einen Computer nur um damit Musik zu saugen. Niemand brennt auf jeden DVD-Rohling Musik und Filme. Aber genau aus dem Grund werden die Pauschalabgaben ja auch nicht so berechnet, als ob es so wäre.

Das wirklich frustrierend an der Geschichte ist aber, dass es ohne Ende Inhalte im Netz gibt, bei denen sich die Urheber freuen, wenn sie heruntergeladen werden. Teilweise bekommen sie sogar Geld dafür, ohne dass der Nutzer es direkt bezahlen muss. Beispiele für entsprechende Projekte gibt es hier auf der Seite genug. Statt dass jetzt also diejenigen, die ohne direkt zahlen zu wollen einfach freie Inhalte konsumieren, sorgen sie durch ihre Selbstbedienungsmentalität erst dafür, dass auf der anderen Seite Medienkonzerne die Hatz auf sie eröffnet haben - und stellen sich dann als Opfer dar.

Sorry, diese Logik ist kaputt. Lasst diejenigen, die den Arsc* nicht von ihren restriktiven Inhalten bekommen doch einfach drauf verrecken. Aber beschwert euch nicht, wenn ihr erst ihre Wünsche nicht respektiert und danach dann Post vom Anwalt kommt. Saugt freie Inhalte - und kauft dann die Merchadising-Artikel. Oder auch nicht. Aber lasst die Finger von unfreien Inhalten. Denn damit hemmt ihr nur die Verbreitung der freien Inhalte.

Fazit

Wir brauchen definitiv ein modernes Urheberrecht. Eines das nicht von unten nach oben umverteilt. Eines, das Kreativität fördert - und zwar nicht die beim Formulieren von Abmahnungen. Und hier gibt es meiner Meinung nach nur einen Weg:

Freie Inhalte

Diese zu fördern halte ich für deutlich sinnvoller, als gegen hochbezahlte Anwälte und multinationale Konzerne zu kämpfen. Die Kulturflatrate kostet uns alle zwar Geld, nimmt aber deutlich Druck aus der Situation. Darum befürworte ich sie, obwohl ich sie nicht für perfekt halte.

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