Eurovision Song Contest - Armenien: Eva Rivas

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Eva Rivas

Vorsicht vor Aprikosensteinen

"Prunum" oder "Malum Armeniacum" ist die botanische Bezeichnung für die Aprikose, die in Armenien als Nationalfrucht gilt. Feinschmecker denken spontan an Desserts, Marmelade, Sachertorte, Obstwasser, Obstessig, Amaretto und Bittermandeln. Die Bittermandel wird aus dem Samen der Aprikosensteine gewonnen, ist aber wegen des hohen Giftstoffgehaltes mit Vorsicht zu genießen. Um diesen brisanten Aprikosenstein geht es im armenischen Beitrag für 2010 von der Sängerin Eva Rivas (bürgerlicher Name: Valeriya Reshetnikova-Tsaturyan).

Kurz nach dem Sieg der armenischen Vorentscheidung wurde Apricot Stone prompt schon einige Male zum

Stein des Anstosses

Zunächst erkannte meinte der türkische Fan und Komponist Yagoub Mutlu in dem Liedtext eine politische Anspielung auf den Genozid 1915 zu erkennen und forderte eine Disqualifizierung. Dieser Vorwurf wurde vom Manager Hayk Markosyan zurückgewiesen.

2. Stein des Anstosses

Ein amerikanisch-finnisches Duo „Emmy and Mihran“ beanspruchte schon im Herbst letzten Jahres, Armenien mit amerikanischem Geträller beim Contest zu repräsentieren. Sie erlaubten sich sogar, ihre Teilnahme von einem Ultimatum abhängig zu machen. Im Zusammenhang mit den Streitereien zwischen Armenien und Aserbaidschan schlossen sie sich nämlich Forderungen an, für Aserbaidschan eine Geldstrafe oder Sperre zu verhängen. Natürlich weigerten sie sich, ihre Niederlage zu akzeptieren und behaupteten ein manipuliertes Ergebnis.

Der armenische Journalist Paul Chaderjian, nachdem er den armenischen Rundfunk H1 nach der Teilnahme des amerikanischen Duos befragt hatte, teilte am 26.02.2010 in Times.am mit: "... they had never heard of this nobody Finnish-Californian who had the audacity to claim she was representing my culture." Er fasst diese Angelegenheit belustig als eine Verschwörung auf und fügt ironisch hinzu: "Let's not try to change our national anthem again, please."

3. Stein des Anstosses

“It is also a song that symbolizes the Armenian Diaspora, to which Eva belongs.” So Eva Rivas und ihr Produzent laut Armenienweekly. Das Lied gar ein Gruß an die armenische Diaspora? Schon höre ich den Unmut der westeuropäischen Presse und der Fans, hatte man doch eigens zur Eindämmung des Diaspora-Votings die Jury wieder eingeführt. Nun bringt Armenien den Schachzug, den Appell an die armenische Solidarität IM Liedtext gar zu kultivieren.

Wer also glaubte, die Migration lasse sich auch beim ESC den Stempel der Entbehrung und Niederlage aufdrücken, sieht sich eines Besseren belehrt. Man scheint stolz auf sein globales Netzwerk und betrachtet sich als deren Botschafter: „Apricot stone, I will drop it down, In the frozen ground, Let it, let it make its round“.

Bei ihrer Promo-Tour besucht sie die armenischen Gemeinden und hat bereits in Griechenland, Zypern, der Ukraine und Russland symbolträchtig Aprikosenbäumchen gepflanzt.

Für Migranten und Job-Nomaden

Vielleicht erzeugen die kosmopolitanen Netzwerke doch mehr Spürsinn für gängige Trends als die Rückbesinnungen aufs Nationale. Schon den Titel empfinde ich als etwas Besonderes beim ESC. Endlich mal keinen Euro-Esperanto, keine Imperative wie „Shake It“, „Disappear“, keine Friedensbotschaft, keine narzistischen Selbstbespiegelungen. Der Text lässt Spielraum für Interpretation und Identifikation. Von ihm könnten sich auch neoliberale Job-Nomaden angesprochen fühlen. Die Musik ist für Ethno-Pop auffällig unauffällig, nur der Schluss leitet zu einem ein folkig-souligem Crescendo. Zu Beginn erklingen eine Gitarre und ein Duduk, ein traditionelles armenisches Holzblasinstrument, das aus dem Holz des – wie sollte es anders sein – Aprikosenbaums hergestellt wird. Möglicherweise wird dieser Part von dem armenischen Musiker Jivan Gasparian gespielt, was für Osteuropa eine kleine Sensation wäre.

Was sagt die armenische Diaspora zu "Apricot Stone"?

Keine Sorge, trotz starker Identifikation bleibt noch genug Raum für Kritik und Selbstkritik. Zum Musikstück nochmal Paul Chaderjian: "The song has an interesting Armenian – or should we say universal – intellectual theme about returning to one’s roots. I guess that’s not specifically Armenian, though it fits our mindset. [...] But with lyrics like “when I was going to lose my fun and I began to cry a lot,” who in the world can take our art and culture seriously?" Und weiter: "I thought she was singing ‘apricots don’t’ and was confused [...] Par for the course, our Eurovision entrants really need to address their pronunciation and diction."

Und zur Musik: "It is a catchy song, but you can’t call it an Armenian song. It’s Flamenco, it’s Gypsy, it’s Arabic and Turkish and maybe even can be claimed as Greek."

Sein humorvolles Fazit: "It’s a popuarity contest after all, and we have seven million Armenians in the Diaspora who can call-in and vote. But just remember what they say about eating too many apricots…"

Armenia's Road to the European Union is Paved with... Apricot Stones?
Paul Chaderjian

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